Eineinhalb Tage Wandelbarcamp in Wil (SG), Schweiz
Ein Beitrag von Sabine Bühlmann
Eineinhalb Tage Wandelbarcamp liegen hinter mir … was für eine leidenschaftliche Erfahrung! Rund 60 Leute aus allen Sparten trafen sich – sie kamen aus Produktion und Geschäftsführung, waren Professor und Studenten, Schüler und Lehrer. Zitat: „Wir haben Barcamper gerufen und es sind Menschen gekommen.“
Was ist ein Wandelbarcamp?
Ein Barcamp ist per Definition eine Unkonferenz: kein Programm, keine organisierten Reden, Kosten auf Selbstversorger-Basis oder es fanden sich dankbarerweise Sponsoren. „Organisiere ein System so, daß es sich selbst organisiert“ hat Klaus Bieber, der Initiator, an einer Stelle in die Einladung geschrieben. Komischerweise haben wir das geschafft – wie das funktioniert hat, wissen wir auch nicht so genau. Einen Rahmen für 50 bis 60 Leute zu bieten, ist kein Kinderspiel. Klaus hat zu Beginn eine paar Worte gesagt, weil ihm jemand ein Mikrofon in die Hand gedrückt hat und dann haben wir uns vorgestellt – in der Kürze liegt die Würze: Vorname und drei Stichworte, sogenannte Tags. Die lauteten bei mir: „Horses, Helicopters – Leidenschaft!“ Anhand der Tags, die wir uns per beschriftetem Klebeband an den Pullover hefteten, konnte man leicht jemanden ansprechen, dessen Themen auf die eigene Resonanz stießen oder umgekehrt. Es folgte die Sessionplanung – jeweils 45 Minuten Vortrag, Beitrag, Diskussion oder Jamming – wer wollte brachte sich ein und das waren fast alle. Da wir auf dem Eschenhof in Wil zu Gast waren, dem Reiterhof der Familie Erni, bestand mein Part dahin, die „unsichtbare Verbindung“ zwischen Mensch und Pferd vorzustellen und weiterzugeben. Zu diesem Zweck stellten mir die Organisatoren meine vierbeinige Partnerin Doreen zu Verfügung, ihres Zeichens 22jähriges Reitschulpony mit Charakter. Nach der letzten Session entschied sie, schwungvoll in ein Gipfeli zu beißen, als wollte sie sagen: das schmeckt, ich habe mir meine Belohnung verdient! Und das, wo ich doch vorher allen erzählt hatte, daß Pferde eine Futterbelohnung als nicht wesentlich empfinden, zumindest gemessen an ihren vorrangigen Prioritäten als Fluchttier, wie Sicherheit, Führung, Vertrauen. Die Session mit Pferde-Partner am zweiten Tag war sehr beeindruckend. Ich habe für meine Teilnehmer kommentiert, was Doreen wohl von den Führungs-Vorschlägen ihrer Menschen hielt und das führte zu Lachern, aber auch nachdenklichen Gesichtern, denn Doreen hatte heute einen deutlichen Individualabstand von etwa vier Metern – wenn der Druck ihr zu nahe kam, konnte sie auch schon mal die Ohren anlegen und damit deutlich ihr Mißfallen zum Ausdruck bringen. „Beachten Sie die kleinen Signale Ihrer Mitarbeiter? Wie wenig ist eigentlich nur notwendig, um etwas durchzusetzen? Achten Sie auf kleine Erfolge?“ Alles Fragen für die Führungsetage und auch zu deren Feedback wurden die Pferde hier während des Wandelbarcamps eingesetzt. Auch für das Pferd war es eine angenehme Arbeit: Doreen fand Respekt und Vertrauen in ihren Führungspersonen und entspannte sich von mal zu mal mehr, zum Schluß willig folgend. Umso schöner, daß viele interessierte Fragen von den Teilnehmern kamen, z. B. von Constantin: „Wenn das alles auch ohne Seil geht, warum haben wir bisher am Seil gezogen?“ Diese Eindrücke ließ ich einfach wirken. Das ist Pull- gegenüber Push-Prinzip und damit respektieren wir Pferde als Lehrer, genauso wie hier alle als Lehrer und Schüler respektiert wurden. Überhaupt war der Meinung einhellig: Die Methode ist austauschbar, diskutierbar, optimierbar – aber wesentlich ist doch, daß man die Menschen dort abholt, wo sie gerade sind und sie fördert und fordert, ihnen eine Möglichkeit zur Weiterentwicklung gibt. Sie wollen ja, wenn sie nur dürfen. Und hier durften sie – so viel leidenschaftliche Begeisterung habe ich selten auf einmal erlebt. Alle gingen offen, respektvoll und freundlich miteinander um. Ein lebendiges Beispiel für YOKOTEN – das bedeutet „Das Teilen der guten Beispiele“. „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“ Ja, Klaus, das ist es! Wir konnten uns entfalten und zusammen kommen, ausbreiten und ins Detail gehen – Neuland, Wandel, stetiger Fluss – hier gab es das alles live und in Farbe. Ein Schwerpunkt lag natürlich auf Kaizen-Methoden – stetige Verbesserung in allen möglichen Bereichen.
Das komplexe System vs. das komplizierte System
Eine Uhr ist ein Beispiel für ein komplexes System – viele kleine Rädchen, Mechanik, Feinarbeit und Präzision. Sie ist aber mechanisch zu verstehen, die Abläufe sind vorhersagbar, planbar. Im Gegensatz zum Wetter – das ist ein kompliziertes System, was ähnlich einer menschlichen oder tierischen Lebensform (oder einer Firma) Schwankungen unterworfen ist, die von vierlerlei äußeren und inneren Einflüssen abhängen. Klaus hat eindrucksvoll sein Viable Systems Model vorgestellt und damit einen Ansatz geliefert, wie ein kompliziertes System so organisiert werden kann, daß es sich selbst organisiert.
Manfred hat die Frage in dem Raum geworfen „Verändern wir das Richtige?“, Peter hat den Toyota-Weg bei Griesser vorgestellt und Constantin die Lehrfabrik der Hochschule Ansbach/CETPM. Reto hat die Kaizen-Aktivitäten bei der Swiss beleuchtet, Andreas und Christoph haben anhand der Pferde „Konsequentes Führen“ verdeutlicht und Moni hat die kreative Seite per Artjamming an die Oberfläche gebracht. Viele, viele habe ich hier gar nicht erwähnt, aber wie könnte ich auch – bei annähernd 50 Einzelbeiträgen bräuchte ich so lange wie das Barcamp selbst gedauert hat!
„Die Steigerung von intelligent ist einfach“
Ich weiß nicht mehr, wer diesen Satz gesagt hat – er ist mir jedenfalls dieses Wochenende über den Weg gelaufen. Peter von Griesser hat ihn garantiert gesagt, Constantin auch – ein Grundsatz in der Lehrfabrik. Überhaupt sind viele Aktivitäten gerade bei Kaizen einfach: es gibt Stift und Papier, Flipchart und Visualisieren – kein Hightec, Computer, Powerpoint. „Hast Du eine Powerpoint-Präsentation oder hast Du uns was zu sagen?“ wurde Klaus mal gefragt, woraufhin er sein Laptop zugeklappt und drauflos erzählt hat. So auch diesmal. „Einen Prozess bis zu seiner Kenntlichkeit entstellen“ – das brachte ein Fragezeichen auf Jochens Stirn, wurde aber sogleich erklärt: Prozesse laufen oft so automatisiert und gewohnt ab, daß sie erst durch detailliertes Aufschreiben, Darstellen, Zerpflücken wieder erkennbar werden. Uns werden also durch das Zerlegen in Einzelteile quasi die Augen geöffnet für das, was tatsächlich passiert – oder eben nicht passiert, aber für den guten Fluß der Dinge sorgen würde.
„Das, was ich in einem Unternehmen sehe, ist ein Spiegelbild des Managements.“ (Klaus Bieber)
Dieses Zitat von Klaus bringt es wieder auf den wesentlichen Punkt: Mitarbeiter-Entwicklung. Die Führung der Führungsetage hat Vorbildfunktion – ach, an dieser Stelle kommt Jochens Leiden(schaft) zum Vorschein: er beschwert sich, daß das Modell „Vorgesetzter als Vorbild“ heutzutage nicht mehr viel zählen würde. „Das treibt mich echt um,“ sagt er bewegt. Und Peter stimmt zu: ja, das sei eins der größten Probleme. Die Mitarbeiter an ihrem Punkt abzuholen und zu fördern, ohne zu über-fordern, ein Gleichgewicht schaffen zwischen Herausforderung und Fähigkeiten, Stress und Langeweile. Einen Flow sozusagen, von dem Klaus sagt, daß Toyota es seiner Meinung nach schafft, seine Mitarbeiter an der oberen Grenze dieses Flows zu halten – welch eine Kunst der Menschenführung!
Stefan, der selbst in Japan in einem Produktionswerk tätig war, weiß jetzt, daß es nicht das Gleiche ist wie bei uns in Deutschland. „Da können mir die Leute zigmal erzählen: ‘Kaizen, Kanban … das machen wir doch auch’ – wir sind einfach eine andere Kultur. Es war ein völlig anderes Arbeiten in Japan: es war ruhiger, niemand hat herumgebrüllt und vor allem: bei einem Problem waren alle zur Stelle – vom einfachen Arbeiter bis zum Manager – und das, ohne einen Schuldigen zu suchen.“
„Die Kultur der Schuld“ oder „mundtote Leidenschaft“
Bei uns nicht nur in der Produktion gang und gäbe: im Problemfall erfolgt die Suche nach dem Sündenbock und dieser erhält eine mehr oder minder starke negative Verstärkung. Ja, und manchmal rollen demzufolge auch Köpfe. Aber auch die, die noch dran sind, schweigen lieber beim nächsten Problem und schauen, ob unter dem Teppich noch Platz ist, um es dorthin zu kehren. „Ich war’s nicht“ und Kopf in den Sand – so verbessern wir nichts, werden nicht leistungsfähiger, verlieren Produktionsstandorte in Hochlohnländern und gehen am Ende doch ins Ausland – „da ist die Verschwendung eben billiger“ (Zitat von Peter Del Conte).
Doch was wird aus der Leidenschaft? Mundtot, kleingehalten, unterentwickelt? Nein! Dieses Barcamp hat entschieden das Gegenteil bewiesen: Leidenschaft gepaart mit Fähigkeit und Fertigkeit, Zielstrebigkeit und Durchsetzungsvermögen kann und wird auch gerade hier noch viel bewegen. Wenn die Leute sich vorwärts bewegen dürfen, bleibt Wandel gar nicht aus – in diesem Sinne auf zum nächsten Wandelbarcamp 2.0!
Download: Flyer “Unsichtbare Verbindung von Pferd und Mensch”, pdf-Format, 2,2 MB.
Link: feel-timing-balance.com


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